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SCHICKES. SCHÖNES. SCHNELLES.

8. März 2018

Autosalon Genf 2018 GIMS

von Markus

Ein älterer Mann mit Krückstock und Hut kommt langsam und etwas humpelnd auf die Bühne des Renault Standes und steigt über die geöffnete Fronttür in das Konzept-Vehikel EZ-GO ein. Er scheint aus der alten Welt zu kommen – trägt einen analogen Fotoapparat um den Hals – stellt seinen Rollkoffer ab und setzt sich zu den anderen Passagieren.

EZ-GO ist eine 5,20 m lange Kapsel auf Rädern, welche in naher Zukunft als Auto und Service autonom durch die Innenstädte fahren könnte, um bis zu sechs Passagiere aufzunehmen. Es ist für Menschen, die entweder gefahren werden möchten oder müssen, auch mit Rollator, Kinderwagen oder Rollstuhl. Das Konzept präsentiert Chefdesigner Laurens van den Acker als erstes einer Reihe von Mobilitätsservices, welche im Laufe des Jahres folgen werden. Mehr als das Modell begeistert mich aber die Art der Präsentation. Fernab vom Marketinggeschwafel und hohlen Phrasen zu Rekordabsätzen und Segmentbestleistungen hört man eine Haltung heraus, die viel aussagt über die Marke und deren Glaubwürdigkeit, die z.B. Volkswagen durch den Abgasskandal komplett verloren hat und nun halbherzig zurückzuerlangen versucht. Kam mir bisher beim Gedanken an autonomes Fahren und den gezeigten Konzepten meist das Grauen, lässt mich diese Idee hoffen, dass die Zukunft der Mobilität in den ständig weiter wachsenden Städten möglich ist, wenngleich dafür freilich das Privatauto auf der Strecke bleiben muss und wird.

Was gibt’s denn sonst so? Bei Audi steht der neue A6. Viel interessanter ist jedoch der Messestand. Er ist einem Kinosaal nachempfunden, man sitzt bei der Präsentation in bequemem Gestühl, bekommt, Snacks, Getränke oder Eis gereicht und kann sich verschiedene Kurzfilme von Nachwuchs-Cineasten über das neue Modell anschauen. Die sind allesamt sehr unterhaltsam und hochprofessionell gemacht. Hut ab, Film ab! Deutschland hat Zukunft, zumindest im Filmgeschäft….

Die Lamborghini Fläche ist mit Urus und Hurracan Performante Spyder übersichtlich bestückt, jedoch fast genauso gross, wie die von Audi. Verkehrte Welt. Das fällt auch ein paar Meter weiter auf. Die durch Opels Nichterscheinen entstandene Lücke , hat kurzerhand Aston Martin gefüllt. Und die haben einiges hingestellt. Das Hypercar Valkyrie AMR, den neuen Formel 1 Renner, den neuen Vantage und den DB11. Der wahre Knaller steht aber im hinteren Teil, quasi etwas in einem als Atelier getarnten Raum versteckt: Das Lagonda Vision Concept. Die exzentrisch gestylte Raumflunder mit geradezu verschwederisch grossem und bequemen Innenraum. Demnächst kommt noch ein SUV und ein Coupe.

Bei den profaneren Marken geht es um Masse statt Klasse. VW kündigt an, für das Jahr 2020 insgesamt 19 SUV-Modelle im Programm zu haben, die 40% des Gesamtvolumens ausmachen. Na dann….Ausserdem geht die Elektrifizierung der Flotte voran. Ob es bei den 80 neuen Elektromodellen bis 2025 im Konzern und den anvisierten Stückzahlen belieben wird? Man kann nur hoffen, dass sie sich aussreichend Schürfrechte in der Heide gesichert haben, um an die seltenen Rohstoffe zu kommen, die in die Batterien wandern werden. Hyundai kommt mit dem „Fil Rouge“ an den Genfer See. Dieser rote Faden soll die neue Designsprache aufzeigen. Zum ersten Mal ist auch eine Rückbesinnung auf die Wurzeln des Hyundai Designs zu bemerken. Das von Giugiaro vor 44 Jahren gestaltete Pony Coupe ist bei der Pressekonferenz zu sehen! Dazu gesellen sich der Kona Elektro, der Nexo und der Santa Fe. Porsche zeigt den 911 GT irgendwas und die Studie zum Vollelektrischen „Mission E Cross Tourismo“, ein nicht unattraktives, aber störend banales, weiteres Mitglied der Mission E Familie. Bei Mercedes steht die neue A-Klasse und der runderneuerte C. Ausserdem das Mercedes-AMG GT4-Door Coupé, der AMG GT 63 S 4MATIC, der AMG E 53 4MATIC, der AMG 43 4MATIC T-Modell und der AMG G 63, bei dem das 4MATIC schon automatisch drin ist. BMW präsentiert den X4 und das 8er Grand Coupé als Studie, Peugeot den neuen schneidigen 508, Skoda den Vision X, Volvo den V60, Kia den Ceed, Ferrari den 488 Pista, Seat die neue überflüssige Marke Cupra, Tata einige interessante Konzepte und Bugatti den Chiron Sport, der alles besser kann als der normale Chiron und somit die bisherigen Kunden ganz schön in den Arsch kneift.

Es gibt noch viel mehr zu sehen, aber da müsst ihr schon selber auf die Messe oder euch bei den Kollegen informieren. Wir haben fertig für heute und suchen vielleicht noch nach weiteren Antworten auf die Frage, wie eine Autoindustrie in Zeiten, in der das Ansehen noch hinter dem des Bankenwesens und der Politik zurückgefallen ist wieder auf die Beine kommt. Nicht wirtschaftlich, sondern moralisch. Die Zahlen glänzen ja alle und die Kurven zeigen nach oben. Wir kommen ins Grübeln, wenn man sieht, dass Konzerne wie VW 20 Milliarden in die Elektroflotte investieren, ziemlich genauso viel, wie sie der Abgasskandal kosten wird. Was sonst hätte mir diesem Budget gemacht werden können? Vermutlich die Welt retten. “Finde das rechte Maß”, das schrieb schon vor langem der Benediktinermönch Anselm Grün in seinem Buch. Vielleicht eine gute Lektüre für so manchen Automanager…

Übrigens: alle Freunde von Marzal, Sibilo oder Testudo finden unsere Fotoreihen von der Bertone-Versteigerung 2011 hier und hier.

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