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2. Juli 2013

Arlberg Classic Car Rallye 2013

von Markus

Um diese Jahreszeit ist in Lech noch nicht besonders viel los. Das durchwachsene Wetter tut ein Übriges. Nur einige Wanderer streifen durch die Wiesen, Kühe fressen das saftige Gras und, ja und jede Menge Oldtimer röhren umher. 118 Teilnehmerfahrzeuge haben sich zur Arlberg Classic Car Rally eingefunden, um 535km der schönsten alpinen Bergstraßen im Umkreis zu erfahren, Wertungsprüfungen zu absolvieren und am Abend gesellig beisammenzusitzen und von den Abenteuern des Tages zu erzählen. Das Motto: Mit Freunden durch alpine Traumkulissen!

Ich bin im Team von Mercedes-Benz Classic dabei und fahre als Copilot, Navigator, Stoppuhrenbediener und Fotograf mit Robert Wägerle in einer 230 SL Pagode von 1965. Wir haben die Langschläferstartnummer 99. Gestoppt wird ausschließlich mit mechanischen Instrumenten, was für mich ein Novum ist. Ich bin digitale Eieruhren gewöhnt, die laufen rückwärts und sind gut lesbar! Vom i-Pad mit Rallye App kann ich nur träumen…


 

1. Tag: Prolog

Der Donnerstag verläuft noch gemütlich. Anreise gegen Mittag, dann Begrüßung und Einweisung im extra für die Veranstaltung aufgebauten Glasszelt. Anschließend stellen sich die Teilnehmer zum Start auf. Rallyeleiter und Renn-Ass Armin Schwarz schickt den ersten Wagen, einen Bentley 4 1/2 Liter, um 16:30h auf die Strecke. Die aus über 170 Bewerbungen ausgewählten Fahrzeuge sind wirklich aussergewöhnlich, auch ungewöhnlich ist die große Anzahl an Vorkriegsmodellen, die auf der Strecke gehalten und über die Pässe bewegt werden wollen. Dabei sind einige Mercedes-Benz SSK, der erwähnte Bentley in verschiedenen Ausführungen, Jaguar SS100, Alvis 12/70 Speed 20, Rolls Royce Phantom, Alfa Romeo 8C Monza, 6C 1750 Zagato Spyder und 6C 2500 SS Pinin Farina, Triumpf 2000, Lagonda V12 und LG 6, Invicta 4,5 S, BMW 328 Roadster oder Maybach SW 38 Sport.

Etwas jünger dann ein VW Käfer, Jaguar XK 120 C-Type, E-Type, zwei Aston Martin DB2, Fiat Abarth 750 GT Zagato Coupe, mehrere Mercedes-Benz 300SL, Pagoden, ein 300S Cabrio, BMW 507 und 502, Facel Vega Typ FVS, Porsche 550, 356 und 911, Lancia Fulvia, Maserati 3500GT und Vignale Spyder, ein Enzmann 506 Rennspider oder einige bildschöne Ferrari: 250 SWB, 275 GTB, 250 GT/L Lusso 330 GT 2/2 oder ein 330 GTC Coupé! Mit in unserem Team die AMG „Rote Sau“, ein 300SL (W198), eine weitere Pagode (280SL), und ein 450SEL 6.9er von 1975 und der 190 SL eines Kunden.

Wir starten heute im 30 Sekundenabstand. Es regnet, ist ziemlich kalt und bin froh ein (Stoff)dach über dem Kopf zu haben. Der Prolog führt uns durch den „Lech Canyon“, ein kurvenreicher, extra gesperrter Streckenabschnitt in Richtung Warth mit tollen Aussichten. Bei den ersten Prüfungen versuchen wir, uns aufeinander einzuschießen. Robert konzentriert sich aufs Fahren, ich aufs Zählen. Klingt einfach, ist es aber nicht. Ist es die Aufregung? Sind es die Kühe, die unvermittelt die Strasse überqueren, ist es die frische Bergluft? Man weiß es nicht. Auch ist in die Fahrt eine „geheime Wertungsprüfung“ eingebaut, die nicht im Roadbook angekündigt wurde. Laut Reglement kann sie jeden Tag auftreten, ist immer 75 m lang und muss in 10 Sekunden gefahren werden. Gut, dass ich mir alles auf Post-It’s an der Handschuhfachklappe notiert habe. Spezialität der Veranstaltung und ein weiteres Novum für mich: die Flaggen WP, die OHNE Stoppuhr gefahren werden muss. Als Startsignal wird eine Flagge gesenkt, man fährt 50 Meter in einer kurz zuvor bekannt gegebenen Zeit, die ich aus dem Bauchgefühl runterzähle. Die Tagesresultate stehen am Abend zur Einsicht am Aushang bereit. Platz 44…wir sind ganz zufrieden, aber es ist noch Luft nach oben…

 

2. Tag: Lechtal bis zur Zugspitze

Um 8:00h grollen die startenden Fahrzeuge durch das noch verschlafene Lech. Wir haben noch etwas Aufschub und können in Ruhe Frühstücken. Die hohe Startnummer hat auch Positives. Um 9:34h gehen wir auf die 250km lange Strecke. Zunächst durch das Lechtal, aufs 1894m hohe Hahntennjoch, dann durchs Pitz- und Ötztal. Über den Fernpass nach Leermoos zum Mittagsstopp. Zuschauer sind nicht so viele an der Strecke, aber als gegen 12 die Schule aus ist, kommen die Kinder in Scharen. An einer Stempelkontrolle holen sie sich von allen Teams Autogramme in ihr Programmheft. Fast vergessen wir unseren Stempel in der Bordkarte. Die Wertungsprüfungen laufen nicht ganz optimal, dafür ist aber unerwartet schönes Wetter unser Begleiter geworden. Am Nachmittag wagen wir sogar, das Dach zu öffnen und lernen unsere Pagode jetzt akustisch noch mehr zu schätzen. Sie kann flott bewegt werden, den Porsche 356 C Carrera 2 können wir aber nicht abschütteln. Am Nachmittag fahren wir durch das Bergwangertal und das entlegene Hinterhornbach zurück nach Lech. Tagesplatzierung 55. Hmmm…es war auch Luft nach unten.

 

3. Tag:  durch den Bregenzerwald auf den Arlberg

Es regnet und es ist ziemlich ungemütlich. Einige Teams kapitulieren wohl oder sind ausgefallen, denn unsere geplante Startzeit verschiebt sich um 20 Minuten nach vorne. Die Strecke geht zunächst Richtung Zürs, über den Flexenpass und die bereits 1897 spektakulär aus dem Fels gehauene Flexengalerie nach Stuben-Langen. Hier fand 1927 das erste Arlbergrennen statt, welches Hans Stuck auf Austro Daimler gewann. Am Abschlussabend wurden lustige Originalfilme gezeigt, die die Fahrer bei ihrer halsbrecherischen Fahrt über die damals noch ungeteerte Strasse zeigten. Nicht selten kam es zu spektakulären Abflügen und Überschlägen.

Am Abend hatte ich noch die letzten Änderungen ins Roadbook eingetragen und die Durchschnittsgeschwindigkeiten der Wertungsprüfungen ausgerechnet und notiert. Wir waren also gut gerüstet. Beim Test der Stoppuhren kam dann jedoch ein mittelgroßer Schreck: Kaputt! Zeiger klemmt? Kann doch  gar nicht sein! Ahhh. Als wir anhalten, gibt uns ein hilfsbereiter Kollege den Rat, sie mal aufzuziehen. Äehhh…, genau! Die haben ja keine Batterie (wie meine Eieruhren). Dann der zweite Schock: Tank leer! Gerade schaffen wir es noch rechtzeitig Oktansaft für den Tag zu fassen. Das geht ja gut los!

Die erste Prüfung ist gleich eine Doppelte. Zwei Start- und zwei Zielpunkte. Die Geschwindigkeitsschnitte ändern sich von langsam auf schnell. Wir kommen gut durch die erste Lichtschranke, aber zur zweiten schaffen wir es nicht in der vorgegebenen Zeit. Bei weitem nicht, obwohl wir alles rausholen. Die Strasse ist nass, die Kurven eng und uneinsehbar. Wegen der Witterung wird die Prüfung später annulliert werden. Glück gehabt! Die anderen WPs laufen gefühlt gut. Interessant war die „Rollprüfung“. Mit abgeschaltetem Motor (oder im Leerlauf) musste man eine steile Strasse runter rollen und die Doppelprüfung fahren. In BBBB müssen wir ein Paar Kühe auf der Bundesstrasse überholen, die auf eine andere Weide wollen. Die Route geht über Bludenz nach Dornbirn, wo uns die Mohrenbrauerei zum Mittagstisch empfängt. Die Bierfässer und Flaschenkisten im Lager und auf dem Hof bilden eine tolle Kulisse für unsere Oldtimer. Gut gestärkt mit Weißwurst, Gemüsestrudel und Schinkenspeck geht es in den Bregenzerwald, dann über Hitisau, Reutte, Egg, Au über den Hochtannbergpass zurück. Der Scheibenwischer läuft den ganzen Tag und im Ziel angekommen ist das Sonnenlandverdeck komplett durchweicht und auch im Fußraum wird es langsam feucht. Wir sind erschöpft aber glücklich, der Sekt im Ziel schmeckt!

Am Abend hängen die Ergebnisse aus und wir können es kaum fassen. Heute ein 6. Platz! Bei zwei Wertungsprüfungen nur ganz knapp den Sieg verpasst. Es ist alles rund gelaufen. Am Ende stehen wir auf Position 31 im Gesamtklassement. Das geht in Ordnung…

Die Veranstaltung klingt bei der Siegerehrung im Glaszelt des Hotel Arlberg aus und an der Bar wird noch lange weitergefeiert. Es war trotz des mäßigen Wetters eine fantastische Rallye, die sehr viel Spaß gemacht hat. Ich habe die Höhen und Tiefen des Oldtimerrallyefahrens hautnah in einem tollen Wagen miterleben dürfen und einiges gelernt. Mit Freunden durch alpine Bergkulisse eben…

 

Arlberg Classic Car Rally
Mercedes-Benz Classic